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Traumzeitreise

Stellen Sie sich vor, Sie gehen spazieren, sagen wir durch einen Wald. Zwischen all den Bäumen taucht unverhofft ein altes Haus auf, so wie in dem Märchen von Hänsel und Gretel. Einsam und verlassen steht es vor Ihnen. Etwas Rauch steigt aus dem Schornstein. Es riecht nach frisch verbranntem Holz.

 Eine leichte Brise lässt die Blätter in den Baumkronen tanzen. Hinter Ihnen raschelt trockenes Laub im Unterholz. Lautstarke Krähenrufe durchdringen die Stille. Sie blicken sich ängstlich nach allen Seiten um. Die Tür dieser Hütte öffnet sich und Sie werden von einem hellen Lichtstrahl geblendet. Plötzlich finden Sie sich ins 14. Jahrhundert zurückversetzt und stehen einer alten Frau gegenüber, die hier seit unzähligen Jahren allein in ihrer Verbannung lebt. Unweigerlich denken Sie an eine Hexe, stimmt’s?
Diese alte Frau bittet Sie, einzutreten. Auf dem offenen Feuer brodelt es in einem großen Kessel. Die Kochstelle ist, neben einer Kerze, die einzige Lichtquelle in dieser dunklen Hütte. Fremde, für Sie undefinierbare Gerüche, durchfluten den Raum. Auf einem alten abgewetzten hölzernen Tisch liegt ein altes, in Leder gebundenes Buch, dessen aufgeschlagene Seiten Ihre Neugierde wecken. Mit einer nicht geahnten Schnelligkeit greift die Frau danach, klappt es zu und drückt es an sich, so als würde sie es vor Ihnen beschützen wollen. Und nun stellen Sie sich vor, es sind nicht Sie, die am Tisch der alten Frau steht, sondern ein Mädchen, nennen wir sie Luna.

»Das Buch, das Buch!«, ruft Luna im Schlaf. Sie wälzt sich unruhig hin und her. »Gib mir das Buch! Sofort!«
»Luna, mein Liebes, wach auf. Komm aus deinem Traum!«
Luna öffnet ihre Augen und spürt die zärtliche Hand ihrer Mutter über ihre Wange streicheln.
»Mama, ich habe wieder von dieser alten Frau im Wald geträumt, und dem Buch.« Tränen fließen langsam aus ihren tiefbraunen Augen.
»Ich weiß, mein Kind.«
Luna erfährt von ihrer Mutter eine innige, warme Umarmung.
»Hör zu, Luna, du bist jetzt sechzehn und nun ist die Zeit gekommen, dir den Grund deiner Träume zu erklären. Zieh dich bitte an, wir reden beim Frühstück.«
Fragend sieht Luna ihrer Mutter nach.
Woher weiß Mama, wovon ich träume? Kann sie in meine Seele, meinen Körper sehen? Oder liest sie in meinen Sommersprossen? Ich hasse meinen blassen dürren Körper, diese blöden Sommersprossen, diese pechschwarzen Haare – alles an mir! Die Mädchen in meiner Schule sehen schon wie richtige Frauen aus und mir wächst nicht einmal ein Busen. Ständig machen sie sich über mich lustig. Ich hasse sie alle!

Na, neugierig geworden? Dann setzen Sie sich bitte bequem hin und hören, was Lunas Mutter zu erzählen hat. Die Geschichte ist unglaublich, versprochen!

»Unser Haus stand einmal mutterseelenallein im Wald, dort, wo einst die Hütte aus deinem Traum stand. Der Wald musste im Laufe der Zeit mehr und mehr dem Menschen weichen. Die Frau aus deinen Träumen ist unsere aller Mutter, die Urmutter.«
Ungläubig kleben Lunas Augen an den Lippen ihrer Mutter.
»Das heißt, unsere Familie hat diesen Ort seit vielen hundert Jahren nicht verlassen?«
»Ganz genau, mein Kind, wir Frauen jedenfalls nicht. Die Männer haben es nie lange bei uns ausgehalten.«
»Verstehe ich nicht, wieso?«, fragt Luna.
»Das wirst du noch. Unsere Urmutter hatte ein Buch, dieses hier.« Lunas Mutter legt ein abgegriffenes, in Leder gebundenes Buch auf den Küchentisch. Luna erkennt es wieder.
»Urmutter hat dieses Buch geschrieben und darin, der Überlieferung nach, unseren Familienbann verewigt. Leider konnte bisher niemand von unseren Vorfahren dieses Buch lesen. Fakt ist, dass wir nur weibliche Nachkommen gebären können und eine von ihnen wird in der Lage sein, dieses Buch lesen zu können, den Bann brechen und Urmutter ewigen Frieden schenken.«
»Ewigen Frieden? Heiß das, dass Urmutter noch hier bei uns ist und zu mir Kontakt aufgenommen hat?«, fragt Luna etwas ungläubig.
»So intensiv wie du hat noch keine vor dir von Urmutter geträumt. Du musst die Auserwählte sein.« Ihre Mutter schiebt das Buch langsam über den Küchentisch.
Luna öffnet es andächtig und fängt an, darin behutsam zu blättern.
Lunas Mutter bekommt vor Staunen den Mund nicht mehr zu. »Sie ist es!«, triumphiert sie innerlich. Niemand vor Luna hatte das Buch überhaupt öffnen können. Die Seiten schienen fest verklebt zu sein. Und Luna blättert jetzt darin, als wenn nichts wäre. Fasziniert verschlingt sie die Worte und Zeichnungen, die Urmutter mit Blut auf die Seiten verewigt hat.
»Was steht in dem Buch?«, will Mutter wissen.
Luna dreht es zu ihrer Mutter, »sieh selbst!«, sagt sie und blättert weiter.
»Ich sehe nichts, nur leere Seiten!« Enttäuscht schob Lunas Mutter das Buch von sich weg.
»Sieh hier, Mutter, eine Zeichnung von dem Haus, und hier, ein Kräuterrezept! Die Seiten stehen voll mit solchen Dingen.«
Ihre Mutter schüttelt den Kopf: »Für dich vielleicht, aber niemals für mich. Du bist die Auserwählte. Du bist auserwählt, den Fluch zu brechen und Urmutter aus der Zwischenwelt zu erlösen.«
»Und wie mache ich das?«, fragt Luna und klappt das Buch zu.
»Die Antwort wirst du in dem Buch finden.«

Luna verschlingt Seite für Seite, bis sie zu einem Satz kommt, den sie nicht sofort versteht. Sie liest ihn sich ein weiteres Mal laut vor und verfällt in einen tiefen Schlaf.
Überall ist dichter Nebel. Vor ihr öffnet sich lautlos ein riesiges hölzernes Tor. Sie schreitet hindurch. Erbärmlicher Gestank schlägt ihr entgegen. Ihre nackten Füße sind mit Matsch überzogen. Menschen in seltsamer Kleidung schubsen und drängen an ihr vorbei. Ihr ist kalt. Beißender Rauch treibt ihr Tränen in die Augen. Sie stolpert der Menschenmasse hinterher. Laute Hilferufe vermischen sich mit dem Gemurmel der Schaulustigen. Eine Feuersäule türmt sich vor ihr auf. Stille. Nur noch leise knistert das Holz des Scheiterhaufens. Luna hört eine Frau aus der Ferne schreien. Ein heftiger Blitz schießt aus dem Himmel. Sie öffnet ihre Augen und sitzt einer alten Frau gegenüber. Auf dem Tisch liegt ein Buch, ihr Buch. Mit zittriger Hand blättert Urmutter eine Seite um und schiebt Luna das Buch zu.
»Lies!«, befielt sie.
»Warum?«, will Luna wissen und sieht in ein faltiges, von Kummer gezeichnetes Gesicht.
»Weil du die Auserwählte bist!«
»Aber wieso? Erkläre es mir!«
»Ich sagte eine große Seuche vorher, und sie kam. Ich wurde dem Erzbischof unheimlich, er verfluchte mich und ließ mich auf dem Scheiterhaufen verbrennen. Seither bin ich in seinem Fluch gefangen und warte auf dich. Erlöse mich, bitte!«
»Was muss ich tun?«
Urmutter tippte mit ihrem verknöcherten Zeigefinger auf eine Seite: »Lies, nur du kannst es!«
Einzelne Buchstaben erscheinen auf der Seite, die sich nur zögerlich zu einzelnen Worten zusammenfügen. Luna schreit den Zauberspruch mehrmals heraus. Sie wird von einem grellen Blitz geblendet. Durch das geöffnete Fenster ihres Zimmers hört sie das laute Rufen eines Raben. Zufrieden lächelt sie in sich hinein, Urmutter ist frei.

Zufrieden verlassen Sie das alte Haus, schließen die Tür hinter sich und gehen in den Wald hinein. Sie blicken noch einmal zurück. Kein Rauch steigt mehr aus dem Schornstein. Der Wind spielt leise flüsternd mit den Blättern in den Baumkronen.

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